Und plötzlich öffnet sich die Welt für mich. Lange Jahre konnte ich sie nicht lesen, fand die Schriftzeichen zwar schön, weil sie so fremd und geheimnisvoll wirkten, aber ohne zu verstehen. Meine Neugier wuchs, endlich herauszufinden, was ich da eigentlich sah. Nach der Schule fuhr ich mit einem Freund in einem schwarzen, teils rostigen, aber noch fahrtüchtigen VW-Bus nach Marokko. Zum ersten Mal war ich an einem Ort, an dem ich das Leben um mich herum beobachtete, es einzuordnen versuchte und doch immer nur Bruchstücke verstand. Es war der Moment, in dem ich mich entschied, Arabisch zu studieren.
Sieben Jahre lang waren die arabische Sprache und der Nahe Osten meine Hauptbeschäftigung. Ich studierte in Bern, Damaskus und Leipzig, lernte Menschen, Visionen und Hoffnungen kennen. In den ersten Studienwochen in Bern geschah genau das, worauf ich gehofft hatte: Ich wurde sprechfähig. Buchstabe für Buchstabe lernte ich, Arabisch zu lesen, zu schreiben und zu verstehen. Aus aneinandergereihten Zeichen wurden Wörter, aus Wörtern Sätze, aus Sätzen Texte – und diese öffneten sich mir wie eine Schatztruhe.
Ich blätterte durch die Fotos der Marokkoreise und las Wörter, die bis vor Kurzem noch nichts weiter als ornamentale Zeichen gewesen waren. Ich verstand ihren Sinn und begann sie anders zu sehen. Die geschwungenen Buchstaben hatten mich damals schon fasziniert, und ich fotografierte unzählige Wandkritzeleien, die ich ästhetisch fand – von denen viele sich im Nachhinein als simple Werbung für Waschmittel entpuppten.
Mit dem Schreiben und Lesen habe ich mir eine neue Welt erschlossen. Und das erlebe ich gerade bei meinen Kindern: das langsame Abtasten mit den Augen, wie sie konzentriert von Buchstaben zu Buchstaben wandern, sie laut aussprechen, mich anschauen, zurück zum Text gehen, nochmals die Buchstaben wiederholen, sie im Rhythmus der Silben zusammensetzen, mehrmals neu ansetzen und dann mit leuchtenden Augen aufschauen, um mir das Wort in voller Lautstärke zu präsentieren: „Brot!“
Es ist dieser kleine Moment der Erleuchtung, wenn sich zwischen dem starren Fokus auf das Beobachten und dessen Auflösung plötzlich eine neue Welt auftut. Dann, wenn wir Ausdrücke für unsere Eindrücke finden. Wenn wir Worte haben, um zu benennen, was schon immer um uns herum war, wir es aber erst jetzt wirklich sehen und verstehen. Oder schmecken.
Mein erster Spezialitätenkaffee hat mich verunsichert. Er roch und schmeckte ungewohnt, fast nicht nach dem, was ich bis dahin unter „Kaffee“ verstand. „Was ist das genau?“, fragte ich. Die Antwort war: „Kaffee.“ Aber wenn Kaffee so schmecken kann, was hatte ich dann all die Jahre getrunken? Ich suchte nach Worten, um zu beschreiben, was ich da gerade roch, schmeckte und fühlte, denn mein bisheriger Wortschatz reichte nicht aus. Ich las nach, wie andere Kaffee in Worte fassten. Mein Kaffee-Vokabular wuchs: Ich sprach über Aromen, Texturen, Säurearten und erstellte mentale Steckbriefe für Kaffees, die mir besonders im Gedächtnis blieben.
Da ich im Studium eine zweite Sprache neben Arabisch lernen musste, entschied ich mich für Persisch – oder Farsi. Mein Professor sagte schon früh, wir würden Sprachen eigentlich nicht lernen, sondern nur andere imitieren. Das war mein Schlüssel. Von da an hörte ich noch genauer hin, wenn Baristas, Röster oder einfach Kaffeetrinker über Geschmack sprachen. Ich gewöhnte mir an, bei allen etwas mitzunehmen – Wörter herauszupicken, die ich verstand und die präzise beschrieben, was ich selbst empfand. So entstanden unterschiedliche „Register“ in meiner Sprache. Je nachdem, mit wem ich sprach, zog ich das passende Register: Mit Produzenten, die ihren Kaffee meist nicht selbst trinken können, weil sie ihn verkaufen, rede ich emotionaler und weniger technisch. In Verkostungen mit dem Röstteam dagegen zerpflücken wir die Kaffees skalpell gleich und passen auf Grundlage unseres Verdikts das Röstprofil so an, dass es genau das betont, was wir wollen. Meiner Mutter beschreibe ich denselben Kaffee ganz anders als einem befreundeten Röster.
Je größer unser Wortschatz, desto freier können wir ihn einsetzen, damit spielen und neue Bildwelten schaffen, die vorher nur in uns existierten. So kann alles, was wir essen, trinken und fühlen, ein Lernmoment sein. Wir müssen uns nur bewusst dafür entscheiden.
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